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Di 12.02.2013 18:30 - Vom Totenkult zur Geschichte des Eisenacher                                        "Alten Friedhofs",

                                       Vortrag : Karl-Heinz Dietze

Den Bogen vom Totenkult bis zur Geschichte des Eisenacher "Alten Friedhofs" spannte das Ehrenvorstandsmitglied Karl-Heinz Dietze bei seinem jüngsten Vortrag im Eisenacher Geschichtsverein.


Einst gab es in Eisenach 6 Friedhöfe, dazu noch mehrere Begräbnisstätten an Klöstern und Hospitälern. Im Jahr 1599 ließ Herzog Johann Ernst das Franziskanerkloster oberhalb der heutigen Esplanade abreißen und den dortigen Friedhof einebnen. Als Ersatz wurde vor dem Predigertor eine neue Begräbnisstätte angelegt, der heutige "Alte Friedhof". In dessen Mitte gab es ein kleines rundes Bauwerk aus Brettern, in dem der Kantor mit seinen Schülern Platz fand und welches "Schülerhaus" genannt wurde. Aus ihm ragte eine kleine Kanzel heraus, von der aus die Abschiedsreden gehalten wurden. Bei Regen und im Winter waren die Anwesenden der Witterung völlig preisgegeben. Herzog Johann Ernst I ließ deshalb die Kreuzkirche erbauen, die nach 5-jähriger Bauzeit am 2. Dezember 1697 eingeweiht wurde. Mit steigender Einwohnerzahl stieg auch die Anzahl der Beerdigungen, was verschiedene Friedhofserweiterungen wie in den Jahren 1730, 1834 und 1846 notwendig machte. Als man 1865 auch den vorderen Teil des Friedhofs am Steinweg belegte, beklagten sich die Anwohner über "üblen Leichengeruch". Die eingesetzte Kommission stellte jedoch fest, dass es sich hierbei um den Geruch der Wartburgesel handelte, die ihren Stand zu dieser Zeit noch am Friedhof hatten und von hier die Gäste über den Schlossberg transportierten.


Auf dem Friedhof wurde im Jahr 1830 ein für damalige Verhältnisse hochmodernes Leichenhaus eröffnet. Die Toten trugen Fingerhüte, die mit Glöckchen verbunden waren, um einen im Haus anwesenden Wärter zu alarmieren, sollte sich der Tote als scheintot herausstellen. Der klassizistische Bau, der 1978 abgerissen wurde, diente als Vorbild für Bauten in vielen großen Städten. Sogar ein Gästebuch lag aus.


Die 1830 erlassene Friedhofsordnung besagte, dass hier nur Christen beigesetzt werden durften - keine Juden und Selbstmörder. Grabmähler mussten vor der Errichtung genehmigt werden und unterlagen bestimmten Gestaltungsvorschriften.

Bis 1906 fanden noch Erdbegräbnisse auf dem alten Friedhof statt. Die letzte Beisetzung erfolgte 1913. Bereits seit 1868 wurde auch der neue Friedhof am Wartenberg genutzt.


Friedhöfe erzählen von Ereignissen, Schicksalen, bekannten Familien und Persönlichkeiten.

Ein moderner Gedenkstein an der ehemaligen Stadtmauer steht für die vielen Angehörigen der großen Bach-Familie, die auf dem "Alten Friedhof" ihre letzte Ruhe fanden, darunter die Eltern von Johann Sebastian Bach. Wo früher die Leichenhalle stand, befindet sich heute der Gedenkstein für den bekannten Forstmann Gottlob König und wenige Schritte weiter das Grab von Julie von Bechtolsheim. An der Ostseite der Kreuzkirche erinnert ein Grabstein an den Eisenacher Universalgelehrten und Schriftsteller Christian Franz Paullini. Im Gegensatz zu den Grabsteinen der Ratsherren, die teilweise schon sehr verwittert sind, konnte der Grabstein von Dorothea Grimm, der Frau des Märchendichters Wilhelm Grimm bereits rekonstruiert werden.


Helga Stange