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Denkmale in Eisenach: Das Wingolfdenkmal

Denkmale in Eisenach: Das Wingolfdenkmal


Am südlichen Ende des Pfarrberges überwindet eine imposante Treppenanlage die letzten Höhenmeter bis zur Domstraße. Geprägt wird das Treppen-Halbrund durch das Wingolfdenkmal. Der Wingolfbund, eine studentische Verbindung, die in ganz Deutschland ihre Anhänger hat, traf sich seit 1850 regelmäßig zu seinen Jahrestagungen am Fuß der Wartburg.


Zum Ende des 19. Jahrhunderts erwuchs aus dieser Tradition der Wunsch, den Gefallenen des Bundes aus dem Krieg gegen Frankreich 1870/71 ein Denkmal in Eisenach zu setzen. Intentionen aus zwei verschiedenen Richtungen haben sich damals schließlich an dieser Stelle zu einer eindrucksvollen baulichen Symbiose verbunden. Die Eisenacher Bauunternehmer Bierschenk & Freitag regten im Frühjahr 1897 an, den an der Stelle des heutigen Aufgangs zur Domstraße befindlichen alten Schießgraben - ein Bestandteil der alten Stadtbefestigung - mittels einer Treppenanlage zu überwinden. Auf diese Weise sollte der Zugang zu einem Teil der Eisenacher Südstadt erschlossen werden, dessen weitere Bebauung unmittelbar bevorstand. Die Anlage, entworfen vom Berliner Architekten Theodor Goecke, wurde am 11. August des Jahres 1898 übergeben. Drei Monate später kam die zweite Intention hinzu, als der Wingolfbund unter dem 21. November 1898 bei der Stadt beantragte, "seinen 1870/71 fürs Vaterland gefallenen Brüdern ein bescheidenes Denkmal zu setzen. Kein anderer Ort wäre geeignet, als gerade die Lutherstadt am Fuße der Wartburg, die so oft den Wingolf gastlich in ihren Mauern beherbergt." Die Verantwortlichen der Stadt hatten nichts gegen die Idee, besagtes Denkmal am Halbrund der gerade fertig gestellten Treppenanlage anzubringen und am 25. Mai 1899 erfolgte die Enthüllung des Monumentes. An der Stelle, wo sich die Treppe in zwei Aufgänge teilt, zierte nun das Relief eines überlebensgroßen geflügelten Genius (später auch Engel genannt), der in seiner Rechten einen Palmenwedel, in seiner Linken einen Eichenzweig hielt, die dortige Natursteinmauer. Die Figur beugte sich über einen Schild, der das Wappen des Wingolfs trug. Darunter fand sich die Inschrift: "Den 1870/71 gefallenen Brüdern, den Streitern für Deutschlands Einheit und Größe. Der Wingolfbund". Geschaffen hat das Denkmal der Berliner Bildhauer Friedrich Pfannschmidt. Die Herstellung erfolgte in der Württemberger Metallwarenfabrik Geisslingen, die in ihrer Zeitung, allerdings in der Annahme, dass es auf der Wartburg seinen Platz finden werde, stolz darüber berichtete: "Das Denkmal ruft sicher die Bewunderung der Beschauer hervor und wird eine weitere Zierde der an deutsche Geistestaten so reichen alten Burg bilden."


Seit 1927 diskutierte man in den Reihen des Wingolfs den Plan, ein weiteres Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges zu errichten, welches ebenfalls in Eisenach stehen sollte. Als Standorte zog man zunächst den Lutherplatz, später die Nordwand der Georgenkirche in Erwägung. Schließlich entschied man sich, nicht zuletzt, weil das "alte Wingolfdenkmal" inzwischen marode geworden war, es durch ein neues, das den Toten von 1870/71 und 1914/18 gewidmet sein sollte, zu ersetzen. Die Einweihung des umgestalteten Monumentes erfolgte am 20. Mai 1932. Die Treppen hatte man verbreitert; unzeitgemäße romantische Aufbauten, wie die Zinnen auf der halbrunden Mauer, wurden beseitigt. Den "Genius" ersetzte man durch ein schlichtes Kreuz auf wuchtiger Steinplatte mit dem Text: "Seinen Toten 1870-1871/ 1914-1918. Der Wingolf." Der Gestaltung lag ein Entwurf des Bildhauers Jakob Brüllmann aus Stuttgart zu Grunde. Die bauliche Umsetzung erfolgte durch die Eisenacher Firma Georg Schröder, während die gärtnerischen Arbeiten durch die Firma Trunk besorgt wurde. Über die Bedeutung des Platzes führte aus Anlass der Einweihung der damalige Oberbürgermeister Dr. Janson aus: "Die Nähe der Georgenkirche, im Aufstieg zur Burg des Lichts, zur Gralsburg der Deutschen, schien der rechte Platz der Erinnerung zu sein, des Dankes an die Gefallenen und die Mahnung an diejenigen, die vom Markt zur Burg emporsteigen."


Der nun "funktionslose" bronzene "Genius" bereitete einiges Kopfzerbrechen. Mit Recht machte der Oberbürgermeister Janson seine Bedenken dahingehend geltend, "ein einstmals feierlich eingeweihtes Denkmal beiseite zu stellen, weil naturgemäß hierfür schwer ein würdiger Platz zu finden ist." Längere Zeit stand der "Genius" nun in der Tordurchfahrt zum Stadtschloss am Markt. Die geplante bauliche Integration des Engels im Schlossbereich, der damals das Thüringer Museum beherbergte, wurde allerdings nie realisiert. Sein Ende fand der "Genius" schließlich in der Reichsmetallspende. Nüchtern notierte ein städtischer Beamter im April 1940: "Der Wingolf-Engel ist am 16. d. M. bei der Behördensammelstelle abgeliefert worden. Lt. beiliegender Bescheinigung betrug das Nettogewicht 230 kg."


Den Krieg überstand das Treppen-Ensemble mit dem neuen Wingolf-Denkmal relativ schadlos. Jedenfalls teilte der seinerzeit amtierende Stadtbaurat Fischer-Barnicol Herrn Dr. Lütkemann, jenem Angehörigen des Wingolfs, der sich über Jahrzehnte hinweg für das Monument in Eisenach engagierte, unter dem 20. Mai 1946 mit, dass es "ein durchaus würdiges Aussehen bietet." Auch der Antifa-Ausschuss setzte sich für den Erhalt des Denkmals ein. Man lehnte jedenfalls im gleichen Jahr eine Beseitigung gemäß Direktive des Alliierten Kontrollrates, welche eine Liquidierung der deutschen militaristischen und nazistischen Denkmale vorschrieb, ab. Ob dies den Mitgliedern des Ausschusses in Anbetracht der Gedenktafel für die Toten des Ersten Weltkrieges schwer gefallen ist, entzieht sich unserer Kenntnis.

In der Folgezeit machten sich immer wieder kleinere Reparaturen, insbesondere an den Handläufen der Treppen notwendig. 1952 schließlich wurden auf Initiative des Dr. Lütkemann bauliche und statische Mängel an der Anlage beseitigt. Hierbei wirkten der Wingolfbund und die Stadt Eisenach, trotz der bereits existierenden beiden deutschen Staaten, scheinbar problemlos zusammen, was aber auf eine frühere Vereinbarung zurückzuführen war, derzufolge sich der Wingolf um den Erhalt des eigentlichen Monumentes, wofür Dr. Lütkemann beim Bund um Spenden warb, und die Stadt um die Instandhaltung der Treppenanlagen zu kümmern hatten.


Scheinbar hatte der Staat DDR mit dem Wingolf und seinem Denkmal in Eisenach bei weitem nicht solche Probleme, wie etwa mit dem Burschenschaftsdenkmal. Seit Mitte der 1950er Jahre diskutierte, politisierte und ideologisierte man um den Wilhelm-Kreis-Bau auf der Göpelskuppe und um die Frage, wie man ihn in die sozialistische Erbepflege integrieren könne. Und scheinbar unterschied man hier sehr genau zwischen den Burschenschaften und dem Wingolf. Gewiss ist es kein Zufall gewesen, dass im Juni 1962 - auf einem Höhepunkt der Auseinandersetzungen über das Burschenschaftsdenkmal - ein "wohlwollender" Artikel über den Wingolf und sein Denkmal in der Zeitung "Das Volk", Organ der SED-Bezirksleitung, erschien. Der Wingolf sei, so hieß es "unter den Studentenverbindungen, die Trinkzwang, Mensur und anderen ‚teutschen‘ Gebräuchen huldigen, eine rühmliche Ausnahme." Den Vorwurf, ein ewiggestriger zu sein, ersparte man dem Bund dennoch nicht. "Vom Wingolfsbund aber blieb nur diese Tafel und die Erinnerung im Herzen derer, die ihm angehörten und von einer einheitlich friedliebenden deutschen Nation träumten. Es musste ein Traum bleiben, weil sie nicht die wahren Kräfte erkannten, die ihn verwirklichen konnten."


Zum Nachteil gereichte diese Stellungnahme dem Denkmal aber nicht. Es fristete, mehr oder weniger politisch akzeptiert, ein randständiges Dasein, stand jedoch nie vor der Gefahr, abgerissen zu werden. Verantwortliche, wie der seinerzeitige Leiter des Thüringer Museums, Helmut Scherf, wiesen zu Beginn der 1970er Jahre auf dringend erforderliche Sanierungsmaßnahmen für das Denkmal hin. Und auch der Wingolf selbst vergaß seine Eisenacher Erinnerungsstätte nie. So berichtete Wilhelm Lütkemann im Wingolfblatt Folge 2/1973 über seine Erinnerungen an die Weihe des neuen Denkmals vor gut vierzig Jahren. Nichts von kommenden Ereignissen ahnend, beschloss er seinen Artikel mit geradezu beschwörend-prophetischen Worten: "Möchte sich doch eine Möglichkeit finden, dieses Ehrenmal zu erhalten, bis vielleicht Eisenach einmal wieder des Wingolfs Wartburgstadt werden kann."


Von den Stadtbewohnern wurde das Monument, so ist zu vermuten, als Bestandteil der städtischen Denkmalkultur akzeptiert. Ob allerdings vertiefte Kenntnisse über die Hintergründe seiner Entstehung, über den Wingolfbund in Eisenach überhaupt, vorhanden waren, ist eher zu bezweifeln.


Dies änderte sich erst mit dem Jahr 1990 wieder. Die politische Wende in der DDR und deren Beitritt zur Bundesrepublik ließen die alten Wingolf-Traditionen in der Wartburgstadt wieder lebendig werden. Schon 1991 kam der Bund wieder nach Eisenach zurück und nahm "sein" Denkmal geistig wie auch baulich wieder in Besitz. Der aus der Geschichte erwachsenden Verantwortung wurde man schließlich nicht nur verbal gerecht. Vielmehr ermöglichte es das finanzielle Engagement vieler alter Wingolfiten, dass jenes Denkmal, jene bauliche Anlage, die an so exponierter Stelle das Stadtbild schmückt, 2003 saniert werden konnte. Vielleicht ist erst damit der Wingolf wirklich wieder nach Eisenach zurückgekehrt.